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Dr. Jessica Zenner & Kolleginnen

Kinderzahnärztinnen

Kariesinaktivierung durch Silberdiaminfluorid

    Was bedeutet „Off-Label-Use“?  

    Off-Label-Use beschreibt den Einsatz eines zugelassenen Arzneimittels abweichend von den offiziell genehmigten Anwendungsgebieten. Das heißt, ein Medikament wird gegen eine Erkrankung verordnet, für die keine Zulassung vorliegt, oder es kommt beispielsweise bei Kindern zum Einsatz, obwohl es nur für Erwachsene freigegeben ist. In solchen Fällen beruht die Verordnung auf Erfahrungswissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht auf einem behördlich genehmigten Beipackzettel.


    Was ist die SDF-Lösung und wie wirkt sie?  

    SDF steht für Diaminsilber-Fluorid, eine wässrige Lösung aus Silber- und Fluorid-Ionen. Die Silber-Ionen entfalten eine antibakterielle Wirkung, indem sie Bakterien in der Zahnbelagsflora inaktivieren, während die Fluorid-Ionen direkt in den Zahnschmelz eingebaut werden und so die Widerstandskraft gegen Säureangriffe erhöhen. Durch diese Kombination unterbindet die SDF-Lösung das Auswaschen wichtiger Mineralien aus dem Zahn (Demineralisierung), unterstützt gleichzeitig den Aufbau und die Einlagerung von Mineralstoffen in geschädigtes Schmelz- und Dentingewebe (Remineralisierung) und hemmt nachhaltig das Wachstum kariogener Bakterien. Klinische Studien belegen, dass eine halbjährliche Applikation einer 38-%igen SDF-Lösung kariöse Läsionen noch wirkungsvoller inaktiviert als herkömmliche Fluoridlacke.


    Geschichte und Zulassung  

    Bereits seit den 1960er Jahren findet SDF in vielen Ländern Verwendung bei der Kariesbehandlung. In Deutschland ist die Lösung offiziell zwar nur zur Behandlung kälteempfindlicher Zahnhälse zugelassen, nicht jedoch zur direkten Therapie von Karies. Dennoch gilt SDF auch hierzulande als sichere und effektive Maßnahme gegen kariöse Läsionen. Die American Dental Association (ADA) hat 2020 ausdrücklich die off-Label-Anwendung von SDF zur Kariesinaktivierung empfohlen und damit anerkannt, dass diese Einsatzform klinisch sinnvoll und gut verträglich ist.


    Für welche Fälle eignet sich die SDF-Behandlung?  

    Die SDF-Behandlung ist vor allem dann angezeigt, wenn an Milchzähnen bereits aktive, kavitäre Kariesläsionen vorliegen oder kariöse Defekte ohne Nervbeteiligung behandelt werden sollen. Sie bietet sich für Kinder an, die aufgrund ihres Alters oder mangelnder Kooperationsfähigkeit für aufwendigere zahnärztliche Maßnahmen nicht zur Verfügung stehen, und für Patienten, bei denen eine Vollnarkose vermieden werden soll. In solchen Situationen ermöglicht die SDF-Applikation eine schmerzfreie und schonende Alternative zur klassischen Kariestherapie.


    Vorteile der SDF-Behandlung  

    Der Einsatz von SDF in der Kariesprophylaxe und -therapie ist wissenschaftlich breit untersucht und gilt als bewährte Methode. Die Anwendung ist schmerzfrei, nahezu nebenwirkungsarm und kann in vielen Fällen eine invasive Behandlung oder Vollnarkose überflüssig machen. Da keine Bohrungen oder Spritzen notwendig sind, erleben Kinder die Behandlung als deutlich entspannter und stressärmer.


    Mögliche Nachteile  

    Ein sichtbarer Nachteil der SDF-Behandlung ist die Schwarzfärbung der behandelten Defektstellen, die insbesondere im Frontzahnbereich kosmetisch auffallen kann. Bei unruhigen Kindern sind gelegentlich vorübergehende Verfärbungen von Zahnfleisch oder Lippen möglich. Der Behandlungserfolg hängt zudem entscheidend davon ab, wie sorgfältig nach der Applikation eine gute Mundhygiene eingehalten und eine zuckerarme Ernährung umgesetzt wird. Um die Wirksamkeit langfristig sicherzustellen, muss die SDF-Lösung in regelmäßigen Abständen erneut aufgebracht werden. Außerdem übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für diese off-label Anwendung bislang nicht.